022021 | sundaymist

Ich brauche jemanden, der weiß, wer ich bin. Denn ich weiß es längst nicht mehr. Jemand muss mich ansehen – jemand muss mich sehen, wirklich sehen -, damit ich weiß, dass es mich noch gibt, okay?

[0102]

Du hast heute Geburtstag und ich habe alles und jeden stumm geschaltet. Ich hab versucht, dir zu schreiben, bin aber nie über ein ‚Hey Du‘ hinausgekommen. Eigentlich ist doch nur wichtig, was am Ende steht, oder? Also:

Hey du,
In Liebe, S
.

[0202]

Ich wechsle den Vorhang zwischen mir und der Welt und ich glaube, er wird mit jedem Mal schwerer. Nichts passiert.

[0302]

Irgendjemand hat sicherlich mal gesagt: Nichts ist schöner als der Mond.

[0402]

In einer Geschichte wäre das hier ein Moment: moonchild in Dauerschleife, das Bett steht endlich an der richtigen Stelle, Kerzen brennen. Doch ich fühle gar nichts mehr.

[0502]

Ich habe plötzlich Lust, Gras zu rauchen

[0602]

und mit Gras meine ich Meth und mit Lust meine ich dass sowieso alles was ich will nur ein Symptom ist

[0702]

und ich keine Ahnung habe wo ich ende und die Krankheit anfängt. Ich kann so nichts vom schlechten Gewebe entfernen. Ich brauche jemanden, der weiß, wer ich bin.

[0802]

Ich denke in Texten statt in Erinnerungen um die größtmögliche Distanz zwischen mir und, nun, mir zu erschaffen

[0902]

vielleicht kann ich deswegen nicht mehr schreiben.


… seitdem du weg bist handelt jeder Text davon, dass ich nur noch ein Geist bin, dass du das Meiste mitgenommen und nur den farblosen Rest zurückgelassen hast. Ist das die Wahrheit oder ein Symptom?

[1002]

[von hier an blind] Jede Nacht stirbt jemand. Wenn ich Glück habe, dann ist es ein Fremder.

[1102]

Und wenn dann jemand gestorben ist, gehen wir zurück zu jedem einzelnen Moment, der

[1202]

Ich bin wieder sechs. Zehn. Fünfzehn.

[1302]

Ich bin wieder 17. Ich bin zum ersten Mal wieder 17 und dann komme ich da nicht mehr raus.

[1402]

Geister können nicht aufhören, um die Hinterbliebenen zu trauern, weißt du.

[1502]

Ich trenne mich noch einmal vier Jahre zu spät. Der Schaden ist nicht mehr messbar. Er sagt, kühl: Das meinst du nicht so, Dummerchen. Bis heute Abend kannst du das zurücknehmen und wir können so tun, als sei nicht geschehen.

[1602]

Jetzt, im Schlaf, morst mein Herz eintausend Mal SOS. [Ich habe nie um Hilfe gebeten, denn ich dachte, ich müsste nur genug lieben, dann würde ich da schon reinwachsen. Wenn ich mich nur genug anstrengte, dann könne ich alles ertragen.]

[1702]

Das einzige Licht kommt von den blinkenden LEDs des Routers. Die Panik hat keine Ahnung, dass ich jedes Mal in meinem eigenen Bett aufwache. Also muss ich warten und aushalten, bis sie es begreift.

[1802]

Ich versuche, nicht an all die Pillen zu denken.

[1902]

Auf den Beipackzetteln steht verändertes Schlafverhalten, dabei sollte es Retraumatisierung heißen.

[2002]

Ich bekomme Angst wenn ich müde werde. Ich dusche nachts um drei.


Atmen, okay? Du musst Atmen.

„Ich hätte mir gewünscht, dass es funktioniert. Echt. Das wäre ’ne Erleichterung gewesen.“
„Wie schlimm ists?“
„Schlimm. Richtig schlimm. Aber mir ist die Sonne nicht mehr egal. Macht das Sinn?“

[2102]

Meine Psychiaterin gibt mir diesen doppelt Blick. Einen, bei dem sich mich ansieht, und dann noch einen, der ein bisschen tiefer blickt. Das Problem sei meine Psychodynamik. Das Problem ist: Ich brauche etwas anderes als Pillen und tägliche Spaziergänge. Das hier geht eine Spur zu tief. Ich bekomme eine neue Diagnose, eine neue Überweisung. Aber bitte, keine neuen Rezepte mehr.

[2202]

Sie würden es mir sagen, wenn etwas wäre?
Ich weiß nicht, was etwas ist, also sage ich „ja
Wir haben schon mal über diese Ein-Wort-Sätze gesprochen, oder?
Alles ist ein Symptom.
Ja“, sage ich. „Haben wir.
Keine Ein-Wort-Antwort. Ein Teil von mir erwartet, dass sie aufspringt und mir zu meiner spontanen Heilung gratuliert.

[2302]

Es heißt nicht Entzugs-, sondern Absetzerscheinungen. Bullshit. Mein Körper fühlt sich an wie ein Schwelbrand. Einer, der sich sehr häufig übergibt.

[2402]

Ich glaube, ich kann mein Hirn wieder spüren.

[2502]

Die ersten Worte kommen langsam. Stolpernd. Scheren sich nicht um Sinn. Ich schreibe sie auf einen Kassenzettel.

[2602]

Der Beaglewelpe stolpert über einen Stein, schafft es aber trotzdem bis zu mir, nur um sich auf meine Füße zu legen. Sein Besitzer entschuldigt sich drei Mal, dabei könnte es kaum schöner sein.

[2702]

Ein Flugzeug streift das perfekte Blau und hinterlässt einen Kondensstreifen am Himmel. Es ist ein Jahr später und die Zeit verging entweder gar nicht oder in Rucken. Statt Gin trinke ich Matcha, statt auf einer rostigen Trittleiter sitze ich auf Balkonmöbeln. Die Baustelle ist noch immer da, aber die Bauarbeiter sind andere. Zum Glück bin ich kein Ziel mehr, für Niemanden, denn nun kann ich nicht mehr sagen: Ich bin dort, wo der Kran ist.
Am besten ist es immer noch, wenn mein Nachbar vor der Haustür raucht und die Luft nach Sonne und Nikotin riecht (ich werde Zigaretten niemals nicht vermissen).

Über eine Figur schreibe ich: Ich war zu tief in mir selbst begraben, als dass ich allein hätte herausfinden können. Die Zeitform ist falsch, der Rest ist eine leise Wahrheit.

Ich schreibe Wer bin ich? auf ein leeres Blatt Papier, doch mir fällt nichts dazu sein.

[2802]

Ich schlafe wieder nur ein paar Minuten pro Nacht. Doch wenigstens träume ich nicht.

Note: Antidepressiva sind, wenn richtig angewendet, sicherlich kein schlechtes Mittel. Sie wirken nur nicht für mich, nicht im Moment.
Falls du glaubst, welche zu brauchen: Sprich mit einem*einer Psychiater*in. Sei ehrlich. Lass deine Blutwerte regelmäßig checken.
Sei mutig. Hab keine Angst Hab Angst, das ist okay. Ich hab auch ständig Angst. Tu es ängstlich. All the love.



Ein Gedanke zu “022021 | sundaymist

  1. Das ist unfassbar melancholisch, ehrlich, bedrückend……. und wirklich gut! Du hast eine wundervoll mitreißende Art zu schreiben, auch wenn mich der leise Text zwischen den Zeilen traurig berührt.

    Ich hab dich lieb ❣

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