meer minus du | sundaymist

meer minus du



„Ich war damals in der Schule schon übelst verliebt in dich.“
„Ja?“
Du nickst. Ich lächle, sage aber nichts, denn ich kann mich nur sehr dunkel an deine Existenz in einer der Parallelklassen erinnern. Vielleicht bilde ich mir diese Erinnerung aber auch ein, um wenigstens ein bisschen was zur gemeinsamen Vergangenheit beitragen zu können. Fünf Schritte entfernen dein Auto von meiner Haustür, aber ich bleibe sitzen, rauche eine, dann noch eine. Wir reden und geben dabei Tiefsinnigkeit vor. Eigentlich hatte ich nur nach einer Möglichkeit gesucht, dem Nachtbus zu entgehen, und dann hast du hinter dem Lenkrad gesessen.
„Vielleicht sollten wir ans Meer fahren“, sage ich. Mehr aus einer Laune heraus. Weil du ein Auto hast und so nostalgisch redest. Außerdem hab ich Sehnsucht nach dem Meer.
„Jetzt?“
„Nein, ich muss in vier Stunden arbeiten. Nächstes Wochenende?“
„Ja, warum nicht?“ Du bietest mir noch eine deiner Zigaretten an. Ich nehme sie, obwohl ich mir viel lieber eine von meinem Tabak drehen würde. Ich habe unendlichen Durst, das Bier der letzten Stunden kratzt mir im Hals.
„Okay, dann nächstes Wochenende. Ich frag eine Freundin, ob sie und ihr Freund auch mitkommen wollen.“

Eine Woche später, gleicher Ort. Ich lasse meinen Rucksack neben die Beifahrertür fallen, umarme meine Freundin und winke ihrem Freund zu, der schon auf der Rückbank sitzt. Du lächelst.
„Bereit?“
Ich nicke. „Bereit.“
Manchmal legst du während der Fahrt meine Hand auf den Schaltknüppel und bedeckst sie mit deiner. Oder hebst sie an dein Gesicht und küsst meinen Handrücken. Ich schaue aus dem Fenster und eigentlich nie zu dir. Das hier könnte gut sein, würde es sich nicht nur fast richtig anfühlen. Nicht falsch, nur unbequem.
Ich mache das immer. Wie damals, als wir Sugarplum Fairy live gesehen haben und ich zu diesem einen Song unbedingt jemanden küssen wollte, weil ich den Song so liebte. Also küsste ich den Typen links neben mir, drei Minuten, nachdem ich ihn kennengelernt hatte. Richtige Geste, falscher Mensch. Immer.
Zwei Mal verfahren wir uns so sehr, dass wir rechts ranfahren müssen, um rauszukriegen, wo wir eigentlich gerade sind. Einmal müssen wir rechts ranfahren, weil ich meine Freundin im Rückspiegel mit der Hand in der Hose ihres neuen Freundes erwische und es uns alle vor Lachen krümmt.
Wir hatten am Nachmittag ankommen wollen, jetzt passieren wir das Ortschild im Dunkeln. Zu spät, um irgendwo noch etwas zu essen aufzutreiben, zu spät um uns irgendwo ein Zimmer zu besorgen. Genau richtig, um ohne Umwege an den nächsten Strand zu fahren. Ich springe vom Beifahrersitz auf den Parkplatz, noch bevor du den Zündschlüssel gezogen hast. Meine Freundin sagt etwas, doch ich hab längst nur noch Ohren für die Wellen. Rauf auf die Düne und beim ersten Blick aufs Wasser die Luft anhalten. Ich ziehe mir Schuhe und Socken im Gehen aus, versinke bis zu den Knöcheln im Sand und habe keine Zeit mehr, meine Hosenbeine hochzukrempeln. Gischt und Wasser und Wellen und Kälte. Ich lache und lache und lache. Wir sind die einzigen Menschen weit und breit. Niemand sieht uns zu, während wir durch das knietiefe Wasser springen und uns benehmen wie Kinder.

Später ziehe ich zwei Schlafsäcke aus dem Kofferraum. Du und ich schlafen heute Nacht am Strand, die anderen beiden bekommen das Auto.
„Endlich kannst du ungestört in seiner Hose rumfummeln“, sage ich und zwinkere meiner Freundin zu.
„Vielleicht zieh die Hose sogar aus!“, sagt ihr Freund.
Wir breiten uns entfernt von einigen Liegen aus, die Düne im Rücken, das Meer vor der Nase. Meine Klamotten sind klamm, ich habe überall Sand. Du verschränkst deine Finger mit meinen und willst etwas sagen, doch ich schüttle den Kopf. Am Meer sollte man so still wie möglich werden. Und ich denke, dass das hier perfekt ist. Man kann jeden einzelnen Stern sehen. Der Sand unter meinen Fingern ist kühl, das Meer fast unverschämt laut. Jedes Mal, wenn ich mir über die Lippen lecke, schmecken sie salzig.
Ich wünschte bloß, du wärst nicht da.




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