I’m tired of lists | sundaymist

1.
He’s making a list and checking it twice
Gonna find out who’s naughty and nice
Santa Claus is comin‘ to town

2.
Ich brauche Bananen, Mehl, passierte Tomaten, Spinat. Bananen, Mehl, passierte Tomaten, Spinat. Bananen, Mehl, pass…. Dreißig Minuten später besitze ich zwei neue Teeeier, eine Flasche Fritz Kola, zwei Pakete Hafermilch und Salzstangen.

3.
Meine Vorsatzlisten für das neue Jahr klingen immer gleich: Soundsoviele Sportroutinen re-etablieren, X Kilo abnehmen, diesen einen Job finden, weniger Alkohol – mehr Gemüse, ein Buch schreiben, glücklich sein.

Ich weiß, dass andere von diesem Neuanfang des kleinen Mannes nahezu manisch high werden, ihr Leben umkrempeln und eben diese Listen abarbeiten, bis sie am Ziel sind. Oder sie arbeiten wenigstens den ersten Punkt ab und wahrscheinlich würden sie auch weitermachen, aber dann passiert das Leben, die Liste rutscht zwischen das Altpapier und plötzlich weiß man nicht mehr so genau, welche Punkte eigentlich erfüllt sein müssten, um glücklich zu sein. Irgendwas liegt da in der Luft, wenn sich altes und neues Jahr treffen, für das meine asthmatische Lunge jedoch immun scheint, denn bei mir passiert genau gar nichts. Ich habe nicht plötzlich die Motivation, die verlorene Sportmotivation wiederzuerlangen, ich hab immer noch keine Ahnung, wie ich mich jemals als Lektorin etablieren soll und die Sache mit dem Schreiben wird neben dem Hochstapler-Syndrom immer wieder mäuseklein.

4.
In seiner Biographie hat Stephen King darüber geschrieben, wie er an unzähligen Schreibwettbewerben teilgenommen und die Antwortschreiben an zwei Nägeln aufgehangen hat: einen für die Absagen, einen für die Zusagen. Der Nagel mit den Absagen fiel irgendwann vor lauter Gewicht von der Wand, während der mit den Zusagen noch fast leer war.
In den letzten Monaten habe ich eine Liste mit etwa 60 verschiedenen Psychotherapeuten angelegt, die ich alle abtelefoniert habe. An meiner Wand gibt es auch zwei Nägel. Absagen Part I und Absagen Part II.

5.
Ein Sofa. (Eines, das ich nicht im Hausflur gefunden habe. Eines, das nicht bei jeder Bewegung die gleichen Geräusche wie Hipsterberlindielenfußboden macht. Und Polsterung. Stell dir vor, dein Kopf würde auf einem Polster liegen, nicht auf dem Holzrahmen, über dem irgendwann Polsterung existierte).

Ein Schreibtisch. (Nicht windschief. Nicht in Benutzung seit deinem 14. oder 15. Lebensjahr. Keine freiliegenden Pressspanplatten, an denen du dir deine neuen Klamotten versaust.)

Ein Laptop. (Einer, der nicht sofort stirbt, wenn er nicht permanent am Stromnetz hängt. Einer, den du nicht in deine Stoßgebete einschließt, damit er noch ein bisschen länger durchhält.)

Allergikerbettwäsche (check)

(Liste der Dinge, die angeschafft werden müssten, aber…)

6.
Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. „Ich weiß es doch auch nicht!“
Meine Freundin Laura greift nach ihrer Tasche, zieht einen Block und einen Stift hervor und schreibt „Pro & Contra“ in die erste Zeile einer leeren Seite.
So haben wir alle Entscheidungen durchgearbeitet. Ins Ausland gehen vs. nicht ins Ausland gehen. Ausbildung XY vs. Ausbildung XYZ. Der Bassist dieser Band vs. dieser Kellner.

Vielleicht hätte ich einige Entscheidungen dann auch wirklich auf Basis dieser Listen treffen sollen.  

7.
Ich habe meine Traumata in Abstufung ihres subjektiven Schweregrades gelistet, weil ich dachte, dass mir Ordnung inmitten von Terror helfen könnte.

8.
Die Liste mit möglichen Buchideen ist seit einigen Jahren größer, als ich es je sein werde.

9.
Die ersten Menschen in meinem Umfeld kriegen Bescheid, dass sie die höchste Impfpriorität haben, während ich noch auf die Liste auf meinem Display starre. Impfgruppe drei. Es gilt zu beachten, dass allein das Impfen der ersten Gruppe mehrere Monate in Anspruch nehmen wird. Während der rationale Teil in mir diese Liste versteht; versteht warum ein 80jähriger vulnerabler ist, als eine 31jährige Vorerkrankte, bekommt der irrationale Teil in mir keine zwei Minuten später eine Panikattacke, bei der ich es schaffe, gleichzeitig zu wimmern und zu hyperventilieren.

Ich weiß nicht, womit ich gerechnet habe. Aber ich weiß, worauf ich gehofft habe.

10.
„Ja, diese Flüchtlingssache ist schlimm, aber was ist mit den Obdachlosen…!“
„Vegetarismus, Veganismus, diesdas. Was ist mit den Menschen, die nix zu fressen haben?“
„Ja okay, in Afrika hungern Kinder, aber was ist mit den armen Kindern in unseren Heimen?“
„Feminismus, okay. Aber was ist mit den Männern, die sich jetzt einfach gar nicht mehr trauen, noch irgendwas zu sagen?“
„Pandemie my ass. Was ist mit den Menschen, die schon immer hier und dort und überall sterben?“
Und in Amerika lynchen sie Schwarze.“

Obdachlose vor Flüchtlingen, Hunger über Massentierhaltung aber nicht über Heimkindern, Frauen unter unsicheren Männern, immer, und Pandemie eigentlich unwichtig, letzter Platz, denn es sterben ja sowieso immer irgendwo Menschen. Wann habt ihr eigentlich angefangen, interne Hitlisten für Leid anzulegen, und meint ihr das wirklich ernst, oder wollt ihr in Diskussionen nur gleich von Anfang an klarstellen, dass ihr eigentlich keine Argumente habt?  


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