Liebe dich für immer, aber | sundaymist

Letztens bin ich quer durch die Stadt gelaufen, was natürlich eine waschechte Lüge ist, denn in Anbetracht meines Gehtempos, der Größe dieser Stadt und meiner allgemeinen Lauffaulheit wäre ich dann noch immer unterwegs. Und hätte schon längst eine Instagramstory gepostet, in der ich angekündigt hätte, von nun an in einem siffigen Pappkarton neben einem Netto in Katernberg zu wohnen, ganz einfach, weil ich keinen einzigen Schritt mehr gehen wollen würde.

Ein bisschen bin ich aber tatsächlich quer durch diese Stadt gelaufen, von hier nach dort, und dann mit mehreren Schlenkern von dort wieder hierher. Und dabei dachte ich: Wenn das hier alles vorbei ist, und ich meinen faulen Hintern wieder vom öffentlichen Nahverkehr hin und her tragen lassen kann, dann könnte ich meine eigene Tourismuszentrale für diese Stadt gründen, derart auswendig kenne ich jeden Winkel hier. Unsere Bestsellertour wäre ein humoristisches Selbstmordkommando; eine gemütliche Bummeltour einmal durch die ganze Stadt – der Clou: wann immer wir einen Ort passieren, an dem ich schonmal a) gekotzt, b) geheult oder c) Sex gehabt habe (oops) wären alle Beteiligten verpflichtet, einen Shot zu trinken (Tequila, silber. Jeder Gast muss selbst für seine Zitronen sorgen).

she said I think I’ll go to Boston
I think I’ll start a new life
I think I’ll start it over
where no one knows my name


Gefühlt habe ich schon jeden Pflasterstein in dieser Stadt auf die eine, andere oder alle Arten entweiht, denn ich habe diese Stadt durchgespielt. Mehrfach. Da links hatte ich nach einem Clubbesuch mal einen Nervenzusammenbruch und musste mich mitten in der Nacht von einer Freundin abholen lassen, weil es hier zwar einige gute Orte gibt, um so richtig zu heulen, aber dieser gehört nicht dazu. Vor allem nicht um zwei Uhr morgens. Dort drüben hatte ich mal was mit einem Kerl, in den ich abgrundtief verliebt war, dem ich das aber nie gesagt habe, weil ich damals noch dachte, Gefühle würden mich schwach machen. Und hier gleich um die Ecke, vor der Eisdiele, hab ich mich vor meiner Bio-Lk-Klausur ins Gebüsch übergeben. Naja, ich konnte eben noch nie gut mit Druck.

Ich lebe in einem Dorf mit 582.760 Einwohnern und dieses Gefühl, das für andere vermutlich Heimat ist, beklemmt mich, wenn ich zu lang darüber nachdenke, so sehr, dass mir die Luft wegbleibt. Deswegen träume ich vom Gehen. Ob ich auf der Couch sitze und eine Castingshow gucke, in einem Club tanze oder auf einer Party versuche, meine Unsicherheit mit Humor zu überspielen, ich denke immer, dass das schon fast okay ist. Doch für mehr müsste ich gehen.

Ich träume von einem vollgepackten Auto (in meinen Träumen habe ich sowohl eine Fahrerlaubnis als auch ein Auto) und einem der Ziele, die in einer recht langen Liste in einem meiner Notizbücher stehen.

Und eigentlich ist auch das nicht ganz richtig, denn eigentlich träume ich davon, diese Stadt von mir abzustreifen. Alles zu verschenken und mich mit leichtestem Gepäck hinters Steuer zu setzen, dorthin zu fahren, wo ich mich jemandem vorstellen kann und der*die sagt dann nicht „Ach, du bist doch die, die …“, sondern „Hi, schön dich kennenzulernen.“. Nur diese Liste, die gibt es wirklich.

Ich glaube, deswegen ist mit mir befreundet zu sein auch ziemlich anstrengend. Ich bin unstet. Verlass dich ruhig auf mich, aber verlass dich nicht darauf, dass ich dich niemals verlasse. Denn es liegt nicht am Hier, dass ich nicht längst Woanders bin. Ich warte darauf, dass Geister zurückkehren, von denen ich weiß, dass sie mich überall finden könnten. Ich wollte es ihnen bloß so einfach wie möglich machen.

Eigentlich warten wir alle, mich eingeschlossen, nur darauf, dass ich irgendwann verschwinde. Dass da irgendwann nur noch eine letzte Notiz bleibt, sowas wie Liebe dich für immer, aber ich muss gehen. Und vielleicht bleibt nicht mal das. Ich glaube, irgendwann ist diese Wohnung einfach leer. Irgendwann spuckt meine Handynummer nur noch den Hinweis aus, dass sie nicht mehr genutzt wird. Ich glaube, ich werd irgendwann zu einen jener Geister. Weil ich muss. Vielleicht versteh sie alle deshalb so gut.

I think I need a new town
to leave this all behind
I think I need a sunrise
I’m tired of the sunset


Also, ich dachte immer, ich sei der Typ für Sonnenuntergänge. Allein schon daran bemessen, wie oft ich in den letzten Wochen aufgeregt zu der Brücke gleich hier um die Ecke gelaufen bin, weil der Himmel in diesen Farben brannte und man von dort die perfekte Aussicht auf jeden vergehenden Tag hat. Ich hab den Hype um Sonnenaufgänge nie verstanden und ich glaube, das hat etwas mit dieser Stadt zu tun.
Denn in meiner Vorstellung würde ich die ganze Nacht fahren, im Radio würde Springsteen laufen, der das Gleiche tun würde, nur um jemandem Schuhe zu kaufen. Ich würde durch jede Dunkelheit fahren, um pünktlich zum Sonnenaufgang woanders zu sein.

Songcredits


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