hundertelf | Prosa

Diese Krisenhaftigkeit veränderte sich mit den Kränen.
Da steht einer neben meinem Haus, damit aus einem schlammigen Loch Fassaden eines neuen Wohnhauses wachsen können und mit dem Kran kam Bewegung in meine Einsamkeit. Plötzlich starre ich nicht mehr nur auf dieselbe, verwaschen-gelbe Häuserfassade gegenüber, sondern kann dabei zusehen, wie ein Kran allerlei Dinge von links nach rechts und von rechts nach links an meinem Fenster vorbeischweben lässt. Dazu höre ich die Männer auf der Baustelle Dinge schreien. Kurzum: ich bin noch immer allein auf 29 qm, aber nicht mehr so ganz, nicht mehr so richtig, nicht mehr so, dass die Stille meinen Tinnitus betont und ich nicht mehr differenzieren kann zwischen einem normalen, ruhigen Vormittag in einer Einbahnseitenstraße und einer längst in Gang gekommenen Endzeitapokalypsenstimmung. Da sind nun Menschen, die beweisen, dass sich die Welt doch noch dreht. An den Nachmittagen durchkreuzt eben dieser Kran meinen, oft vom Gin verwaschenen, Blick auf einen viel zu blauen Himmel.
An dem Tag, an dem dann auch mal gut ist, ziehe ich in ein Büro mit Blick auf einen anderen Kran. Ich bin noch immer krank, die Endzeitapokalypsenstimmung ist lang noch nicht vorüber, aber man ist es jetzt nun auch Leid, darauf Rücksicht nehmen zu müssen. Friss oder stirb, oder: Wir schmeißen dich raus oder du riskierst eben die Sache mit der künstlichen Beatmung und dem Ersticken. Das Büro mit dem Kran ist die Vorstufe, die Schonfrist für nunmehr zwei Wochen. Dann brauche ich eine Antwort auf die Friss oder Stirb-Frage. Es hat sich also, eigentlich, nicht viel verändert. Ich starre seit hundertelf Tagen auf Kräne und suche nach guten Sätzen für schlechte Enden.


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