Hundeherz | Kurzgeschichte

„Ich starre seit zehn Minuten auf dieses Bild hier im Wartebereich“, tippe ich. „So ein völlig chaotischer Kunstdruck. Ich erkenne eine Geige und mindestens fünf Phallusse. Oder Phalli?“

„Das sagt mehr über dich als über das Bild.“

„Ich weiß. Freud hätte mich geliebt.“

Du bist gestern Abend im Hotel angekommen, schreibst du. Und heute Morgen mit Fieber aufgewacht. Zu viel Zeit allein. Zu wenig Zerstreuung. Du versinkst in einem Monolog über die Belanglosigkeit des Menschen und endest mit einem Lied, das ich dringend hören soll. Ich schreibe: du erinnerst mich an Wien. Ich sehe dein blondes Haar in Kaffeehäusern, höre deine schnippische Art zwischen dem Wiener Akzent. Wie kann es sein, dass mich ein Mensch an eine Stadt erinnert.
Ob ich Wien mögen würde.
Ich schaue das Bild an; neben mir hustet jemand. Vielleicht hab ich ja auch bald Fieber.
Nein, schreibe ich, Wien liegt mir nicht. Aber dein blondes Haar und deine liebliche Überheblichkeit.

„Warum machst du nicht mit mir Urlaub?“

Also steige ich in einen Zug, fahre ein paar Stunden bis an die Küste und trinke eine Flasche Rotwein. Umstieg auf eine Fähre. Ich schicke dir ein Foto von mir an Deck, irgendwo hinter mir geht gerade die Sonne unter, du schickst mir ein Foto von deiner Aussicht: deine Schuhe und ein Anlegeplatz. Der Wind zerzaust mein Haar und damit auch meine Gedanken.
Ich hatte dich kleiner in Erinnerung. Vielleicht haben dich meine Erwartungen aber auch größer gemacht. Es gibt drei Kneipen auf dieser Insel und wir gehen einfach in jede, bleiben immer nur ganz kurz und damit ein bisschen zu lang. Ich mische Wein mit Bier mit allem, was klarer ist als dein Verstand. Ob du noch Fieber hast. Du stößt versehentlich dein Bier um und gibst mir die Schuld dafür. Als die Kellnerin die Pfütze aufwischen will, nimmst du ihr den Lappen ab und übernimmst das selbst.

„Komm“, sagst du und nimmst meine mit deiner bierfeuchten Hand. Die Toiletten sind schmal, du zu groß, ich zu klein und dann starren wir uns doch wieder bloß an. Wer zuerst blinzelt hat verloren und wir haben beide nichts als unsere Sturheit.
Es bollert von außen gegen die Tür. Einmal, Zweimal. Du presst mir deine Hand auf den Mund und bleibst ganz still. Deine Haut riecht nach Zigaretten und schmeckt nach Salz; deine Haare fallen dir bloß deshalb so in die Stirn, damit ich mich in ihnen verheddern kann. Ein drittes Mal. Dann Schritte, die Musik wird wieder dumpf.
Jemand hat Fuck you! in schwarzen Lettern auf den Spiegel geschrieben. Der Rauch deiner Zigarette kräuselt sich im Neonlicht.
„Für immer ist nicht bloß eine Idee, weißt du. Für immer ist eine Möglichkeit“, sage ich.
Meinem Gesicht fehle es an Glück hast du mal gemeint und ich habe nur gelacht. Wir wiederholen jede unserer Wiederholungen und daraus wird dann etwas Beständiges. Ein dummes Endlosprogramm. Du blickst mich durch den Spiegel an und zwischen mir und dir und jedem stumpfen Abbild war mal was und ist vielleicht. Irgendwann und nie. Du warst und ich war. Wir sind. Wir bleiben.
Ich schreibe ein karmesinrotes Vielleicht auf das reflektierende Glas.


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