Es fehlt uns an Substanz | Kurzgeschichte

… in unserer Bedeutung.

– 15

Wenn ich sage, ich gehe in die Kirche, dann hat das nichts mit Gott zu tun.

– 14

„Hier, in der Küche, kochen wir vor jedem Treffen Kaffee, räumen ein paar Flaschen Wasser raus und es gibt immer irgendwas zu knuspern“, sie lacht über ihre Formulierung.
Ich glaube sie heißt Kathrin. Oder Klaudia.
„An der Tür zum Gemeinderaum, dirket neben den Zeiten für den Gottesdienst, hängt eine Liste, wer in welcher Woche dran ist mit Kaffeedienst.“

– 13

„Möchtest du uns etwas über dich erzählen?“
„Nein.“

– 12

Ich sehe ihnen zu, wie sie über sich reden und sich selbst und ihr Leben beweinen. Sie reden und weinen und ich versuche, eine Verbindung dazu zu finden.

– 9

Bernhard ist der Gesprächsführer. Die Furchen in seinem Gesicht lassen ihn wie eine dieser Eidechsen aussehen, die einen immer bloß anstarren. Einen großen Teil seines Lebens hat er mit Heroin verbracht, einen kleineren Teil im Knast. Jetzt macht er Gemeindearbeit. Und das hier. Diese kleine Runde trauriger Gestalten.

– 7

Bernhard. Klaudia. Marina. Frank. Jan. Antonio. Britta. Alexander.
Und ich.

– 6

Ich sitze auf den Stufen zum Eingang, beobachte die Pfadfinder beim Pfade finden und rauche. Nach und nach kommen sie alle. Ich betrete den Raum als letzte und gehe als erste.

0

Er steht auf, winkt in die Runde, nennt seinen Namen. Benennt sein Leiden. Begründet sein Dasein. Ich schaue nur kurz auf. Wir sind doch alle aus dem gleichen Grund hier.

5

Ich koche Kaffee, platziere Kekse akribisch auf einer der Glasplatten und summe ein Lied, das ich auf dem Weg hierher gehört habe.
„Kann ich dir helfen?“
Der Neue. Mit seinem hellblonden Haar und den traurigen Augen. Einer von denen, die einem gefährlich werden können. Einer, für den man Mitgefühl haben kann. „Du kannst schon mal die Tassen mit rüber nehmen, wenn du magst. Und an der Tür zum Gemeinderaum hängt eine Liste, da steht immer drauf wer wann mit Kaffeekochen dran ist.“ „Du bist Lana, richtig?“
Ich nicke.

6

Aus dem er wird ein du. Aus dem Neuen wird Felix.
Wir teilen uns nach den Treffen Zigaretten auf dem Parkplatz.

10

Die Lieblingsmetapher aller: die Tür, die man hinter sich schließen kann. Sollte. Muss. Wir verwenden zu viele Modalverben, wenn wir von ihr reden.

12

Marina erzählt wieder von ihrem toten Mann. Drogentod, 1996. Danach hat sie geschworen, die Scheiße niemals anrühren zu wollen, doch der Tod hatte ein Loch in ihre Eingeweide gerissen und ein Loch verlangte immer nach einer Füllung. Jetzt ist sie hier und redet über ihren toten Mann. Zwei Plätze weiter links von mir sitzt Felix, dreht eine der weißen Kaffeetassen in den Händen und wir schmunzeln heimlich, weil Marina sehr viel über dieses zu füllende Loch redet.

18

Ich tigere vor der Tür auf und ab. Rauche hektisch. Auf der Wiese neben dem Pastoralbüro spielen die Pfadfinder Fußball. Ihre Stimmen klirren in meinem Kopf, und heute kann ich es nicht.
Ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich. Kann. Nicht.
Ich sehe Felix, sehe, dass Bernhard ihm eine Hand auf die Schulter legt.
„Lass sie. Das ist ihre Entscheidung jetzt.“
Sein Blick begegnet meinem, bevor er die Tür zaghaft hinter sich schließt. Ich brauche zwanzig Minuten für eine Entscheidung. Vielleicht zweiundzwanzig, bis ich mich wort- und geräuschlos auf meinen Stuhl schiebe und für die restliche Zeit meine zitternden Finger anstarre.

21

Bernhard hat sein ermutigendes Gesicht ausgepackt und aufgesetzt.
„Was war in den letzten 21 Tagen der größte Erfolg für dich?“
Felix mit den traurigen Augen grinst. „Meine Freundin sagt, mein Saft schmeckt wieder.“ Fast lache ich, doch im letzten Moment täusche ich ein Husten vor und presse die Lippen dann ganz fest aufeinander.

25

Glückspielklaudia hat Geburtstag, deshalb gibt es trockenen Mamorkuchen und eine offene Gesprächsrunde. Ich reiche die Kaffeekanne an Felix weiter.
„Geht’s dir gut?“
Er zuckt die Schultern. „Glaub, meine Freundin und ich trennen uns.“
„Oh.“
Dabei hat ihr sein Saft doch gerade erst wieder geschmeckt.

26

Wir sprechen schon wieder über die Tür.

30

Alle Augen auf mich. Ich stehe zum ersten Mal auf. Mir ist übel.
„Hi, ich bin Lana, aber das wisst ihr ja“, ich lächle – verhalten. „Und ich sollte es eigentlich besser wissen. Meine letzten Erinnerungen ans Drauf sein sind, wie ich in einer Mische aus meinem eigenen Urin und Erbrochenem aufgewacht bin und das einfach so hingenommen habe.“
Felix erwidert meinen Blick. Ich erwidere seinen. Der Rest ist mir egal.
„Ich war komplett irre. Hab mir den Fuß aufgeschnitten, weil ich dachte, da wären Spinneneier unter meiner Haut und so Kram.“ Ich räuspere mich und warte kurz, aber der Ekel, das Gefühl, das mich sonst immer rettet, setzt nicht ein.
„Ich müsste es also besser wissen. Echt. Ich hab ne beschissene Narbe, die mich dran erinnert. Trotzdem will ich gerade gottverdammt high sein.“

27

Eine Therapeutin im Entzug sagte: „Wenn ich Ihnen verbiete an die Farbe Grün zu denken, was glauben sie wohl, woran sie denken würden?“

26

Ich denke an die Farbe Grün.
Dunkelgrün.
Ein dunkelgrüner Kreis.
Dunkelgrüner Staub.
Ich denke an die Farbe Grün.
Ich summe: grün, grün, grün sind alle meine Kleider. Grün, grün, grün ist alles was ich hab.
Meine Gedanken verkeilen sich, kennen kein Nein mehr. Und gerade als alles Fahrt aufnimmt, schnell wird, drängt, da –
„Hey“, sagt Felix.
„Hey“, sage ich.
Es ist kalt geworden, ganz plötzlich, irgendwann. Ich denke an die Farbe Grün, den Nikotingeruch in seiner Jacke und zünde mir eine Zigarette an. Meine Finger zittern schon wieder.
„Hab die Nummer von meinem Dealer gelöscht. Gestern, nach der Sitzung.“, sagt er.
Ich brauche drei Sekunden, um zu verstehen, lächle, nicke.
„Das ist gut. Sehr gut.“
Ich kannte die von meinem immer auswendig. Kenn sie immer noch. Er vermutlich auch.
Ich denke an die Farbe Grün. Tiefes, reines Grün.

24

„Du bist viel traurig für deinen Namen.“
„Und du zu klug für deine Geschichte.“

22

Unsere Hände berühren sich immer öfter.

19

Ich gucke zur Tür. Bernhard beginnt die Sitzung. Ich gucke wieder zur Tür. Jan erzählt. Ich gucke zur Tür. Sie geht nicht auf. Felix kommt nicht.

17

Felix fehlt.

16

„Er ist bestimmt nur krank“, sage ich, als müsste ich ihn verteidigen.
Die anderen weichen meinem Blick betreten aus.

14

Felix fehlt immer noch.

8

Ich male mir aus, ihn am Bahnhof zu treffen. Auf der Straße. In der Stadt. In der U-Bahn. Im Nachtbus. Ich stelle mir seine Pupillen vor. Kleine Stecknadelköpfe oder große Teller. Ob er immer noch so traurig schaut?

3

Ich koche Kaffee. Ich schaffe es, die Kanne bis zum Waschbecken zu tragen, sie abzustellen und das kalte Wasser aufzudrehen, bevor das Zittern einsetzt. Ich knie mich auf die Fliesen. Lege die Stirn gegen die Küchenfront und presse die Augenlider zusammen. Näher komme ich Tränen nicht mehr.

0

Jemand hat den leeren Stuhl weggeräumt. Vor Wochen schon. Alle sind ein paar Zentimeter aufgerückt. Ich sehe zur Tür und warte.  

– 1

Die Farbe Grün. Tiefes, reines Grün.


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