Den nächsten Krieg | Kurzgeschichte

Frieden

Nach jedem Tag, am Rande der Dunkelheit, kam der Geruch.
Rauch und Asche.

Vielleicht hatte Massa in den ersten Wochen ihres Lebens nur geschrien. Vor allem abends. Ganz besonders abends. Während ihre Mutter in der Hütte auf und ab wanderte, Lieder summte und das kleine, strampelnde Bündel hin und her wiegte, tauschten die anderen Frauen des Stammes besorgte Blicke aus. Man hörte sie selbst auf Distanz. Vermutlich drang ihr Geschrei durch den gesamten Wald und versetzte jedes Tier in Aufruhr.
Am Tag war es okay. Aoka trug sie stets in einem Tuch auf ihrem Rücken, und solang sie nicht zu lang an einer Stelle verharrte, solang die Aussicht nicht zu lang die gleiche war, blieb Massa ruhig. Schaute mit dunkelbraunen Augen durch diesen kleinen Ausschnitt der Welt und sah manchmal so aus, als begreife sie viel mehr davon, als es einem Neugeborenen zustand. Dann kamen die Abende. Das Feuer wurde geschürt, Fleisch geröstet und jeder versammelte sich dort, wo sich die Wärme mit der heranbrechenden Nacht mischte. Und Massa schrie.
Schließlich gab Aoka auf, wickelte Massa wieder in jenes Tuch, um sie auf dem Rücken zu fixieren, und brachte sie mit zur Versammlung. Sie saß kaum auf einem der Baumstämme, außerhalb der Windrichtung, um so viel Rauch wie möglich von ihrem Kind fernzuhalten, als es ruhig wurde auf ihrem Rücken.
„Dreh dich mal ein bisschen zur Seite“, sagte ihr Mann, den Blick ganz auf die gemeinsame Tochter gerichtet, und Aoka tat, wie ihr geheißen. Massa strampelte ein bisschen, dann gluckste sie zufrieden.
„Sie beobachtet das Feuer. Ich glaube, ihr gefällt das.“
Von diesem Abend an war sie jeden Abend mit nach Rauch riechenden Haaren eingeschlafen.

Zehn Jahre später hatte sich der Ausdruck in Massas Augen nicht verändert, bloß begriff sie nun all jene Dinge, von denen sie damals noch keine Ahnung hatte. Es gab den Dschungel, diese Andeutung einer Lichtung, ihr Zuhause. Wenn sie über sich selbst sprachen, verwendeten sie den Ausdruck Lamika’a, der gleichermaßen auf diesen Planeten aber auch auf den Begriff Gemeinsamkeit verwies.
Im Vergleich zu all den Leben, die weit hinter der Baumgrenze geführt wurden, die Stoffe, aus denen ihre Legenden gewoben wurden, war ihr Leben denkbar simpel. Wasser und Nahrung beschaffte man sich in der Natur. Ihre Handwerkszeuge waren aus Stein, Holz oder Tierzähnen gefertigt, die Kleidungsstücke aus Fellen, gegerbter Tierhaut oder einfach verarbeiteter Naturfaser.
Keiner von ihnen hatte jemals eine Waffe in der Hand gehalten.
Niemand kannte die Welt außerhalb der eigenen.
Ihre Sicht auf das Leben entsprach dem Blickwinkel, den sie seit ihrem Ursprung innehatten: geneigte Köpfe in Richtung des ungewöhnlich klaren Sternenhimmels; stets eine Legende auf den Lippen, von der niemand so recht wusste, wer sie sich eigentlich ausgedacht hatte.
Es gab ein elementares Merkmal, in dem sich ihr Leben von vielem jenseits ihrer Welt unterschied: Die Ureinwohner Lamikas, diesem unbedeutenden Punkt im Weltgeschehen, waren zufrieden.
Ihre Sprache hatte keinen Ausdruck für das Konzept Krieg. Dafür hatten sie sechs Arten des Danks. Was erarbeitet wurde, kam der Gemeinschaft zugute. Sie jagten mit Fallen, niemals mit Waffen, und niemand in der Geschichte der Lamika’a war jemals auf die Idee gekommen, einem anderen Menschen mit Gewalt zu begegnen.

Dann waren die Anderen gekommen.

Flucht

Es war einige Tage und Nächte her, als Späher die Gruppe entdeckt hatten. Am äußeren Rand ihres Jagdgebietes, direkt am Waldrand, hatten fremde Menschen eine der größten Grasflächen der Umgebung genutzt, um sich niederzulassen und zumindest ein improvisiertes Lager zu errichten.
Die Späher berichteten von Hektik. Von Angst, die wellenförmig von den Eindringlingen ausging. Von Verletzten. Von Toten.
Ihr Erscheinen hatte den Stamm in Alarmbereitschaft versetzt. Keine der noch lebenden Generationen hatte jemals einer Ankunft beigewohnt. Massa war neugierig, egal wie oft ihre Mutter sie zur Vorsicht ermahnte. 
„Du wirst immer in unserer Nähe bleiben, keine Ausnahmen, keine Entdeckungsläufe durch den Wald mehr“, hatte ihre Mutter sie instruiert und Massa hatte genickt, auch wenn es sich falsch angefühlt hatte, ein Versprechen abzugeben, was sie vielleicht nicht würde halten können. Schließlich hatte selbst die älteste Frau unter den Lamika’a während ihres Lebens nicht einen einzigen, fremden Menschen getroffen. Das hier, das war etwas Einmaliges. Das begriff Massa trotz ihres Alters.  

„Sie haben viele Verletzte. Wenig Vorräte“, berichtete Lorell am Abend und wischte sich Fleischsaft vom Kinn. „Sie haben so etwas wie eine Königin. Eine Anführerin. Aber ausgeglichene Machtverhältnisse.“
Massa wusste, dass sich die anderen Kinder im Schutz der Dunkelheit drüben beim Schmiedeplatz getroffen hatten um angstvolle Vermutungen über alles jenseits der Baumlinie auszutauschen. Sie jedoch saß im Schein des Feuers, wie jeden Abend, und verschlang jedes von Lorells Worten so gierig, wie er das Fleisch zwischen seinen bloßen Fingern.
„Ich glaube nicht, dass sie uns schaden wollen. Im Moment sind sie vor allem damit beschäftigt, ihre Verwundeten zu versorgen. Sie richten ihr Lager auf der anderen Seite der Bäume aus, entgegengesetzt von unserem. “
„Wir sollten helfen“, sagte Galihn, Massas Vater. Der Klang seiner Stimme riss sie alle aus ihren Überlegungen. „Ohne uns zu zeigen. Wir können ihnen etwas von unserer Nahrung, ausreichend Wasser und ein paar Heilkräuter und Salben bereitlegen.“
Gemurmel. Hier und da ein zustimmendes Nicken. Ein paar der Männer erhoben sich. Massa hatte ihren Kopf in den Schoß ihrer Mutter gelegt und konnte nichts mehr dagegen tun, dass sich ihre Augenlider immer schwerer öffnen ließen. Sie dachte an die Königin jenseits der Bäume, dann schlief sie ein.

Am nächsten Morgen war der Himmel schwarz.
Schreie durchrissen Massas Schlaf und eh sie überhaupt die Augen öffnen konnte, zog sie jemand auf die Beine.
„Wir müssen rennen. Jetzt sofort“, rief ihre Mutter.
Die Wachheit kam wie Eiswasser über sie. Alle rannten. Sie schrien. Jemand weinte. Etwas hatte die Sonne verdunkelt. Ein dumpfes Grollen lag in der Luft. Ein Sirren. Geräusche, die Massas Gehirn nicht zuordnen konnte, weil sie sie noch nie gehört hatte.
Sie flüchteten. Das Volk, dass so etwas wie Krieg nicht benennen konnte, war auf der Flucht vor selbigem.

Terror

Es gab eine Stille, die so dicht war, dass sie sich auf die Ohren legte und sie soweit verschloss, dass man bloß noch sein eigenes Blut rauschen hörte, und in diese Stille zog sich der Stamm zurück. Fern von dem Wummern, der Vibration des Luft, fern von der Angst, hatten sie sich zusammengedrängt und versucht, durch das dichte Geäst über ihren Köpfen ein Stück vom Himmel auszumachen. Trotz der scheinbaren Sicherheit hatten die Lamika’a kein Feuer entzündet und wenn sie sprachen, dann bloß leise und einander zugeneigt.

Am Tag nach der großen Dunkelheit kam der Geruch.
Rauch und Asche.
Ein Geruch, der Massa schon immer angezogen hatte.

Sie war die erste, die kurz vor Morgengrauen erwachte.
Trotz des Aufruhrs hatten sie alle früher oder später in einen Schlaf gefunden, und als sich Massa nun mit beinah lautlosen Schritten aus dem Kern des improvisierten Lagers entfernte, fiel es keinem von ihnen auf. Das gleiche Feuer, das anderen Menschen Angst brachte, hatte sie schon immer gelockt.

Massa schaffte fast den gesamten Weg zurück zum Heimatlager, als sich ein neuer Geruch unter den vertrauten mischte. Es roch organisch und passte nicht, zu ihren Erinnerungen an Feuer.
Sie verzog das Gesicht. Das, was dort in der Luft lag, hätte ihr Warnung sein, sie veranlassen sollen, umzukehren, doch wo das Gefühl der Sicherheit nachließ, breitete sich die Neugier aus.
Ihre Ohren waren erfüllt von ihren eigenen Schritten durchs Unterholz, den Vögeln über ihrem Kopf und dem seichten Wind, der die Blätter hin und her bewegte. Ihre Haut prickelte. Hätte es den Geruch nicht gegeben, dann hätte sich das hier wie ein normaler Tag anfühlen können.

Ein Krachen. Dann Stille.
Massa verharrte in ihrer Bewegung, jeder Muskel angespannt. Sie hatte nie gelernt zu kämpfen. Das, was dort zu ihrer Rechten aus dem Wald gebrochen war, schien jedoch auch nicht mehr in der Lage, zu kämpfen. Es kam auf sie zu. Sein Gesicht war blutverschmiert. Es hatte nicht bloß eine Wunde, aus der unentwegt Blut floss, viel eher schien sich sein Körper dazu entschlossen zu haben, sein Blut nicht länger im Körper behalten zu wollen. Da war überall Blut. Das Haar, das ihm ins Gesicht hang, hatte irgendwann mal eine andere Farbe gehabt, doch jetzt war es rot-braun verschmutzt. Es murmelte. Sein Mund formte stumme, hektische Worte. Dann fiel es auf die Knie, robbte noch zwei oder drei Schritte so weiter, bevor es endgültig zur Seite kippte.

Massa machte einen Schritt auf den schwerverletzten Mann zu. Seine Kleidung war zerrissen, obwohl der dunkle, synthetische Stoff dick aussah. Ein Stück seines linken Oberschenkel fehlte, als hätte man es einfach aus seinem Bein gerissen, und Massa kam es unmöglich vor, dass er mit dieser Verletzung hatte stehen, geschweige denn gehen können.
Sie trat jetzt so nah heran, dass zwischen ihren Füßen und den Händen des Fremden, die fahrig über den Waldboden strichen, wenige Zentimeter Platz blieben. Dann ging sie in die Hocke.
Das Murmeln hörte nicht auf. Sein wirrer Blick streifte über die Bäume. Massa beugte sich weiter vor, um mehr von diesem Murmeln zu hören, auch wenn sie seine Worte nicht verstand, als ein dünner Ast unter ihren Füßen brach. Erst da schien er sie wahrzunehmen: sein Kopf schnellte zur Seite und seine hellen Augen, eine Farbe, die sie höchstens in Wasserquellen, nie aber in Augen gesehen hatte, klammerten sich an ihre. Er lächelte. Im nächsten Moment hustete er Blut.

Massa stand auf und wandte sich ab. Sie hatte schon genug Tiere sterben sehen.

Tod

Fleisch.
Das, was sich so störend unter den Geruch des Rauchs gelegt hatte, war versenktes Fleisch.

Das Szenario, glich nicht dem, was sich Massa nach all den Erzählungen über das Lager jenseits der Bäume ausgemalt hatte. Alles, was sie hier fand, war Chaos, Zerstörung und Tod. Übriggeblieben waren nur einige jämmerliche Reste, die das Feuer entweder verschont oder noch nicht zerstört hatte. Es glich einem Wunder, dass sich nichts davon weiter in den Wald, weiter in Richtung ihrer Heimat, ausgebreitet hatte.
Massa wusste nicht, wovor die Fremden geflohen waren, doch es hatte sie gefunden. Es hatte Waffen, Feuer und Gewalt gebracht. Es hatte alles zerstört.
Keiner von ihnen hatte jemals eine Ankunft erlebt. Sie waren niemals einem Fremden begegnet.

Doch Massa hatte nun ein Konzept von Krieg.


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